Der Wanderpokal

Es gibt viele blinde Flecken in der Wahrnehmung von Menschen, die mit Pferden zu tun haben. Ein sehr großer blinder Fleck liegt auf dem Fakt, dass Pferde oft herumgereicht werden wie Wanderpokale und was das mit ihnen macht.

Selten dringt ins Bewusstsein der Menschen vor, dass ein mehrfacher Wechsel des Zuhauses und der Bezugsperson auch bei Pferden ein Trauma auslöst. Für andere Tiere und Menschen ist das Bewusstsein hierauf populärer: Man weiß, dass ein Hund, der beispielsweise schon 3 Zuhause hatte, vermutlich eine Geschichte mitbringt, die von einschneidenden Erlebnissen geprägt ist und dass er sich auch demnach geprägt verhält.

Für Pferde wird das schnell übersehen. Aus irgendeinem Grund denkt man gemeinhin, Pferde würden damit klarkommen oder es würde ihnen zumindest nichts ausmachen, durch mehrere Hände gegangen zu sein, ehe sie bei demjenigen ankommen, der sie, bestenfalls fertig ausgebildet und halbwegs erwachsen, endlich ins Vollzeit-Pferdeleben mitnimmt. Ein „fertiges Pferd“ hat in der Regel ein zu frühes Absetzen von der Mutter erlebt, durfte dann ohne erwachsene Autoritäten oder bekannte Familienmitglieder mit gleichaltrigen, ebenfalls traumatisierten Jungpferden aufwachsen. Dann wird es, meistens ebenfalls zu früh, angeritten oder „fertig“ ausgebildet. Diese Ausbildung läuft in der Regel zu schnell und zu intensiv ab, denn Zeit ist Geld und das Pferd soll natürlich möglichst jung und fähig an einen Käufer gehen. In der Ausbildung erleben die wenigsten Pferde einen liebevollen Umgang mit Bezug zu einem Menschen, der mit ihm im Dialog steht und eine Bindung eingeht. Jemand, der schaut, ob und wie es bereit ist, den Anforderungen gerecht zu werden. Es gibt ein klar definiertes Ziel und wer dieses nicht erreicht, wird aussortiert.

Das Produkt dieses Vorgehens sind, grob aufgeteilt, zwei Phänomene:

1. Das im Selbstbewusstsein gebrochene Pferd. Dieses Pferd hat versagt und hat es nicht geschafft, den Anforderungen des Ausbilders gerecht zu werden, es wird vom Besitzer verkauft. Meist landen solche Pferde in den Händen von (unerfahrenen) Privatpersonen, bei denen das Pferd zwar endlich ankommen darf, dann aber psychisch bedingt einbricht. Nach der Odysee der Ortswechsel und aufgrund der fehlenden Beziehungen zu anderen Pferden und Menschen, die Sicherheit in der Aufwuchsphase vermitteln konnten und ganz besonders aufgrund der Erfahrung, nicht genügt zu haben, kann so ein Pferd nun nicht mehr. Wenn es Glück hat, darf es bei seinem Menschen bleiben. Vermutlich aber wird es wieder verkauft, weil der Mensch meint, es würde „einfach nicht passen“ und nicht versteht, wieso das Pferd nicht einfach machen kann, was man möchte oder wieso es ständig krank ist.

2. Das professionelle Reitpferd. Einige wenige Pferde haben es geschafft, nach dieser fehlenden Sicherheit in ihrer Aufwuchsphase sich selbst zu bewahren und zu lernen, dass sie ein Leben zumindest voller Achtung und Aufmerksamkeit leben dürfen, so lange sie die Erwartungen der Menschen erfüllen. Solche Pferde werten sich über ihre Leistung auf und leben ihr menschenbezogenes Leben im Arbeitsmodus. Sie erfahren zwar oftmals durch ihre Leistungsbereitschaft innige Beziehungen zu ihren Menschen, jedoch basieren diese immer nur auf ihrer Leistungsfähigkeit. Beim Einbruch dieser wäre ihr Leben wieder in Gefahr und auch das ist ihnen bekannt.

Beide Pferdetypen erleben darüber hinaus meistens, dass sich die Leistungsanforderung nicht nur auf die eine Person, den Besitzer, bezieht. Sondern dass sie auch für andere Menschen Erwartungen zu erfüllen haben, wie beispielsweise Bereiter, Reitbeteiligungen, Kinder, Kunden, Schüler, Sportreiter usw. Die meisten Pferde würden liebend gern darauf verzichten, von unterschiedlichen Menschen benutzt zu werden. Selbst, wenn diese es nur gut mit ihnen meinen.

Selbstverständlich sind dies nur zwei Beispiele, zwischen denen es alle möglichen Varianten gibt. Aus unzähligen Pferdegesprächen in zwölf Jahren hat sich aber dieses Bild als sehr häufig vorkommend abgezeichnet.

Es ist wichtig, einmal zu betrachten, dass es Pferden durchaus bewusst ist, wie man sie einschätzt oder warum man sie verkauft. Von einem Pferd zu erwarten, dass es nach mehreren Wechseln in komplett neue Leben mit komplett neuen Bezugspersonen (tierische und menschliche) und Anforderungen, irgendwie noch funktioniert oder erfüllt, was man erwartet, ist illusorisch und unmenschlich.

Die meisten Pferde durchbrechen diesen Kreislauf aus Unsicherheit und Anforderungen niemals. Sie leben damit, dass ihr Leben, wie sie es heute kennen, morgen komplett vorbei sein kann. Sie leben damit, dass sie keine echten, liebevollen Bindungen zu anderen Pferden oder Menschen eingehen können, weil ihnen die Sicherheit eines geschützten Zuhauses und das Versprechen, bleiben zu dürfen, einfach fehlt. Sie leben damit, zu hoffen, den Anforderungen von morgen irgendwie gerecht zu werden. Darüber stumpfen die meisten Pferde ab, leben nur zweckmäßge Beziehungen oder aber werden so krank, dass sie ihr Leben vorzeitig beenden dürfen.

Es ist Zeit, dass wir lernen, Pferde als fühlende, soziale Wesen wahrzunehmen, die bei uns sind, um eine liebevolle Bindung mit uns einzugehen. So wie andere Tiere auch. Für ein Pferd ist der Mensch ein nahestehendes Familienmitglied. Sich ein Pferd anzuschaffen bedeutet, ein Versprechen einzulösen: Du gehörst nun offiziell zu mir und ich werde alles tun, damit es dir bei mir gut geht. Du gehörst zu meiner Familie und wirst meinen Schutz auf Lebenszeit beanspruchen. Alles, was wir gemeinsam tun, passiert im Einverständnis von beiden, so wie es in jeder guten Freundschaft ist. Wir gehen den Weg gemeinsam.

Wer hierzu nicht bereit ist, sollte seine Einstellung zu Pferden dringend überdenken.

Das Prinzip „Hoffnung“

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Das Symptom muss weg

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