Das traurige Auge

Dieser Bildausschnitt ist aus einem Foto eines Kundenpferdes. Es ist eine Stute, die ich heute sprach. Als ich das Foto kurz vor dem Pferdegespräch öffnete, sah ich ihr die Trauer bereits an. Dennoch ermahnte ich mich, professionell und unvoreingenommen an die Stute heranzutreten. Als ich die Menschin im Telefonat dann fragte, was sie von ihrem Pferd wissen möchte, war die erste Frage: „Warum ist sie so traurig, unzufrieden und unglücklich?“

Der durchschnittliche Pferdemensch hat sich abgewöhnt, zu schauen, wie es einem Pferd geht. Die wenigsten Reiter trauen sich, in den Gesichtern der Pferde zu lesen. Der Grund ist offensichtlich: Fast alle Pferde schauen gequält, schmerzerfüllt oder völlig lethargisch beim Reiten oder generell aus ihren Augen. „Das ist nur eine Momentaufnahme!“ oder „Der guckt konzentriert!“ wird dann gern kommentiert, wenn es doch mal jemandem auffallen sollte. Wenn man Menschen ein Pferdegesicht auf einem Foto beurteilen lässt, die nie etwas mit der Reiterszene zu tun hatten, können die aber oftmals recht treffsicher ablesen, wie es diesem Pferd gerade ging. Sie haben noch einen unverfälschten Blick.

Der Grund für die Trauer dieser Stute wurde mir eindeutig von ihr vermittelt: Sie fühlt sich zurückgelassen, ist enttäuscht. Sie wäre eine kraftvolle, starke, schöne, stolze Stute die einmal geglänzt habe. Im Licht der Liebe ihres Menschen, eines Mannes, war sie ganz sie selbst. Dann aber habe der Mann sie enttäuscht, sie abgegeben. Ihr Herz ist gebrochen. Sie wurde geliebt.

Tatsächlich wurde dann bestätigt, dass dieses Pferd aus Spanien stammt und dort jahrelang einem Mann gehörte, der sehr viel mit ihr unternahm und der sehr gut mir ihr zurecht kam.

Obwohl sie ein wirklich tolles, liebevolles, neues Zuhause bei einer pferdefreundlichen Menschin mit eigenem Stall hat und man sie nicht mal nötigt, etwas zu tun, was sie nicht möchte, ist sie zutiefst traurig und traumatisiert. Ihr gebrochenes Herz ist ganz klar in der Tiefe ihres schönen Auges sichtbar. Kannst du es sehen?

Man darf nur hoffen, dass ihr das Pferdegespräch etwas geholfen hat und dass die Appelle an die Menschin, was und wie für dieses Pferd getan werden kann, fruchten. Auf dass sie lernt, dass sie wunderbar, wunderschön und liebenswert ist. Ganz egal, wer sie gerade bewundert.

(Buchveröffentlichung „Freundschaft mit Pferden“ Juni 2022 im Kosmos Verlag. Hier geht es zur Pferdeflüsterer Ausbildung.)

 

Das Prinzip „Hoffnung“

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