Der Mitreiter

Letzte Woche sprach ich mit einer Stute, deren Menschin wissen wollte, was man für ihren Rücken tun könne. Sie habe einen leichten Senkrücken. Neben vielen wichtigen Infos über das Leben des Pferdes und über ihre Persönlichkeit, erhielt die Menschin eine sehr wichtige Botschaft:

Die Stute zeigte mir deutlich, dass wenn ihre schlanke, sportliche und leichte Menschin auf ihr sitzt, es sich anfühlt wie eine unglaublich schwere Last. Der primäre Grund dafür waren nicht körperliche Probleme, sondern dass die Menschin nicht allein aufs Pferd steigt. Auf ihren Schultern hockt noch immer ihr unsichtbarer Ex-Freund. Es fühlte sich an wie eine Besetzung, als säße dieser Mann der Frau immer noch im Nacken. Als hätte er in der vorherigen Beziehung viel getan, um seine damalige Partnerin herunter zu ziehen und sie auf den Boden zu bekommen. Die Stute sagte dazu noch: „Sie denkt, die Sache wäre längst gegessen, aber das stimmt nicht. Sie trägt diesen Mann und was er ihr angetan hat, immernoch mit sich herum. Sie hat sich von dieser Last noch nicht befreit“. Dazu erzählte sie mir noch, dass ihre Menschin sehr erschöpft sei und es wichtig sei, dass sie Kraft tanken würde, wenn sie sich erst von dieser Last befreit hätte.

Die Menschin konnte zustimmen. Sie hatte ein schweres Burnout nach dieser Beziehung, die schon zwei Jahre zurück liegt. Der Mann hatte sie tatsächlich sehr belastet. Sie hatte danach viel für sich getan und dachte, dass es nun wieder gut sei. Als sie hörte, was ihr Pferd zu sagen hatte, wurde ihr klar, dass es noch einiges zu tun gibt, um bei sich anzukommen.

Dass Pferde mit einer Trageerschöpfung nicht nur physische Probleme haben, ist Gang und Gäbe in den Pferdegesprächen. So wie in der heutigen Humanmedizin mittlerweile klar ist, dass ein Bandscheibenvorfall auch immer auf psychischer Ebene betrachtet werden muss, so ist für mich glasklar, dass gerade Erschöpfungzustände des Pferdekörpers immer auch psychisch verhaftet sind.

Wenn wir als Menschen uns von unseren Pferden tragen lassen, sollte uns klar sein, dass sie tatsächlich alles tragen, was wir mitbringen. Manchmal ist das mehr, als uns bewusst ist. So kann es helfen, sich von seinem Pferd unterstützen zu lassen, in die Eigenverantwortung zu gehen und eine bessere Selbstwahrnehmung zu betreiben. Einfach, in dem man ihm wirklich zuhört. Auch wenn es manchmal beängstigend sein kann, in seine eigenen Schatten zu blicken, so ist es doch unerlässlich. Es darf seine Zeit beanspruchen, es darf Schritt für Schritt passieren. Wir sind es denen schuldig, denen wir am nächsten sind, denn sie haben immer Anteil daran, wer wir sind. Bist du deinem Pferd am nächsten, dann wäre jetzt ein guter Moment, zu verstehen, was es heißt, wenn man sagt: „Dein Pferd ist dein Lehrer.“ – dir selbst und deinem Pferd zuliebe.


(Buchveröffentlichung „Freundschaft mit Pferden“ Juni 2022 im Kosmos Verlag. Hier geht es zur Pferdeflüsterer Ausbildung)

 

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