Die Zuckerlüge

Neulich durfte ich noch einmal über die finale Version meines Buches schauen, um die Umbrüche auf den einzelnen Seiten noch etwas zu verschönern. Dabei fiel mir folgender Satz ins Auge: „Noch kein einziges Pferd hat zu mir gesagt: „Die Fruktose tut mir nicht gut“, das ist ein Irrglaube.“

Als ich diesen Satz schrieb, war mir noch nicht klar, wie richtig es zu sein scheint, was da steht. Wir Pferdehalter kennen alle das Wörtchen „Fruktan“ und viele von uns haben schon fast panische Angst vor Gras, damit unsere Pferde keine Hufrehe oder andere Krankheiten davontragen, wenn sie aus Versehen zu fruktan-, also (grob gesagt) zuckerhaltiges Gras fressen. Fast genauso steht es mit Obst und Gemüse. Wassermelone, Banane, Apfel? Bringt das Pferd quasi direkt um die Ecke mit dem ganzen Fruktan- bzw. Zuckergehalt, so meint man. Dabei liegt das Problem nicht in zu viel Zucker, sondern in einseitiger- und Mangelernährung unserer Pferde.

Es gibt einen Menschen, der mediale Fähigkeiten hat und der als Kleinkind seiner Oma gesagt hat, dass sie Krebs habe, obwohl er den Begriff dafür, den er nannte, noch gar nicht kannte. Er hatte eine Stimme gehört, die ihm sagte, er solle das aussprechen. Seine Oma hat er damit gerettet. Seitdem hat er Millionen von Menschen mit seiner Aufklärungsarbeit über Ernährung und Krankheit geholfen, unter anderem auch mir und einigen meiner Freunde. Die innere Stimme begleitet ihn noch immer. Er spricht manchmal von der Obstlüge, die beschreibt, dass anscheinend in Amerika sehr viele Menschen schon fast Angst vor Obst haben, weil sie meinen, dass der enthaltene Zucker ihnen schaden würde. Anstatt dessen greifen sie lieber zu tierischen Produkten und prozessiertem Essen. Absurd. Auch beschreibt er, dass der Umgang mit Diabetes ziemlich falsch läuft. Ich folge ihm schon lange. Aber erst kürzlich ging mir ein Licht auf.

Was, wenn wir mit der pferdischen Ernährung und dem Fernhalten von vermeintlich Zuckerhaltigem ihnen genauso schaden, wie wir uns damit schaden würden? So viele Pferde sagen mir, dass sie das frische, lange, vielfältige Gras wirklich brauchen, das ganze Jahr über, um gesund zu bleiben. So viele wünschen sich „lebendige“ Pflanzen und nicht nur getrocknetes Monokultur-Gras mit prozessierten Mineralpellets als Futter.

Meine Stute Mouna wurde vor fast einem Jahr sehr krank. Es waren minus 14 Grad draußen, als die Tierärztin eine Hufrehe diagnostizierte. Sie stand tagsüber auf der noch gut bewachsenen Weide, wie immer, das ganze Jahr hindurch. Wir konnten alle Ursachen ausschließen: Futterumstellung, Stress, krasse Bewegung. Meine Tierärztin war zu schlau, um es auf die Ernährung zu schieben, denn Mouna war nicht ansatzweise fett und bestens ernährt. Doch irgendwas lief schief.

Es sollten sechs sehr lange und harte Monate vergehen, in denen Mouna an beiden Vorderhufen Hufbeindurchbrüche erlitt. Ich hatte so viele Therapeuten da, dass ich sie nicht mehr an einer Hand abzählen konnte. Jeder wusste etwas anderes, keiner konnte so richtig helfen. Alle waren sich einig, dass Mouna kein Gras, fruktanarmes Heu und kein Obst etc haben dürfe. Mouna ging damit nicht konform. Sie hatte sechs Jahre zuvor schon einen leichten Schub gehabt, damals haben wir wochenlang diskutiert, ob ich die Anweisungen der Ärztin („Kein Gras für ein Jahr!“) befolgen müsse. Irgendwann gab ich nach und ließ Mouna wieder auf die Wiese, nur wenige Wochen nach der Diagnose. Auf ihre Verantwortung, wohlwissend, dass sie das laut Tierärztin ihr Leben kosten könnte. Aber Mouna behielt Recht und es ging ihr damals schnell besser.

Dieses Mal hielt ich mich wieder erst an die Aussagen der Therapeuten und fütterte ihr kaum Zuckerhaltiges, nur kleine Portionen wie einen halben Apfel, um die Medikamente in sie hinein zu bekommen. Sie erhielt wochenlang insgesamt sechs verschiedene Schmerzmittel, wovon KEINES half. Auch das wiederholte sie monoton: „Die Medikamente tun mir nicht gut, sie schaden mir.“, ganz besonders deutlich sagte sie immer wieder: „Es liegt nicht am Gras!“. Mouna lag dick gepolstert in ihrem Unterstand, lag und lag und litt. Mich brachte das fast um den Verstand, Woche um Woche ging ich davon aus, dass ich sie bald erlösen müsse. Aber sie wollte bleiben. Es wäre ok für mich gewesen, für sie auch. Trotzdem gab es keinen Moment, in dem sie nicht mehr leben wollte. Sie schaute mich jeden Morgen wach und munter an, egal wie stark die Schmerzen waren. Es gab einiges aus dieser Zeit zu lernen, aber ich möchte zurück kommen zu dem eigentlichen Thema dieses Beitrags.

Auf Mouna’s Wunsch hin brachte ich ihr manchmal frisches Gras, als es Frühling wurde. Ab dem Moment, in dem Mouna sich von ihrem Spänebett auf den Paddocksand traute, ließ ich ihr die freie Wahl, ob sie die paar Meter bis zur Wiese schaffen wollte. Sowie sie sich dazu in der Lage befand, die Schmerzen des Weges auf sich zu nehmen, ging sie auf die Wiese und fraß. Sie fraß Gras, Kräuter, Blumen. Sie nahm viele, frische Bitterstoffe zu sich, lag viel und fraß alles im Umkreis ihres Mauls kurz und schlich dann nach ca. 5 Stunden selbstständig zurück in ihr Bett. An manchen Tagen schaffte sie es nicht, aber immer öfter und länger blieb sie auf der Wiese. Ab Tag 1 ihrer Ausflüge ins Gras ging es bergauf mit ihr, nach buchstäblich monatelangem Tief! Alle Therapeuten waren sich einig, dass wenn sie mit so einem akuten Schub aufs Gras käme, das quasi das sofortige Ende wäre. Ihr Schub war monatelang akut, auch noch zu der Zeit, als sie sich auf die Wiese schleppte. Aber endlich kamen ihre Lebensgeister zurück und sie wirkte Stückchen für Stückchen stärker, dann wurde sie am Ende des Sommers gesund.

Heute sind wir in Costa Rica. Kurz vor der Abreise haben wir ein Blutbild gemacht. Ihre Werte waren vorbildlich. Sie ist sehr schlank. Mouna steht hier tagsüber auch im Gras, welches üppiger nicht sein könnte. Sie bekommt jeden Tag eine ganze Wassermelone, Möhren, heute zwei Bananen und Papaya dazu. Oftmals Mango und was mir noch so einfällt. Sie braucht das, um gesund zu sein. So wie meine anderen beiden Pferde auch. Sie weiß das. Ich weiß das. Und du weißt es jetzt auch.

Im Laufe meiner ganzen Heilungsversuche hatten wir auch einen umfangreichen Allergietest machen können. Dabei kam heraus, dass Mouna allergisch auf alle möglichen Futtermilben und Schimmelpilze ist, jedoch gegen kein einziges Gras. Als sie damals den ersten Schub bekam, vor sieben Jahren, standen wir in einem Stall, in dem es zeitweise Heulage gab. Die letzten fünf Jahre stand Mouna auf meinem eigenen Hof, wo ich seit circa drei Jahren eingepacktes Heu bekam. Es sei keine Heulage, sagte der Bauer. Das Heu war sehr trocken und von guter Qualität und ich war froh über die gute Lagerungsmöglichkeit. Aber jetzt denke ich, dass die unsichtbaren Schimmelsporen im Heu vielleicht ein Mitauslöser waren. Der Hauptauslöser jedoch war psychisch bedingt.

Ich bin unendlich froh, dass ich auf mein Pferd gehört habe. Sie wäre nicht mehr hier, wenn ich das nicht getan hätte. Die Vision, wie sie schmerzfrei, unbeschwert und frei mit ihren Jungs und mir hier in Costa Rica über den Strand galoppieren würde, hat uns beide weitermachen lassen. Dieses Bild schickte sie mir in den schweren Zeiten immer wieder und wieder, wenn ich ihr Heilenergien sandte. Heute ist diese Vision unsere Realität.

(Buchveröffentlichung „Freundschaft mit Pferden“ Juni 2022 im Kosmos Verlag. Hier geht es zur Pferdeflüsterer Ausbildung.)

 

Das Prinzip „Hoffnung“

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