Freies Spielen mit Pferden

Auf die Frage, was ein Pferd gern machen möchte, kommen mir in den Pferdegesprächen mit meinen Kunden unterschiedliche Antworten, jedoch wünschen sich recht viele Pferde ähnliche Dinge. Die Top 3 der Antworten auf diese Frage sind wohl: Zusammen raus gehen, zusammen sein ohne etwas zu tun, zusammen spielen. Ob sich ein Pferd ein Spiel wünscht, ist auch eine Typfrage.

Ich möchte heute versuchen, zu erklären, was Pferde damit meinen, wenn sie sich gemeinsames Spielen wünschen. Erst einmal ist es wichtig, zu sagen, was nicht damit gemeint ist: Die sogenannten „Spiele“ in manchen Horsemanship Praktiken sind nicht beliebt bei den meisten Pferden. Manche mögen Kunststückchen, wenige mögen kopflastige Bodenarbeit (meistens: langweilig!), aber fast alle spielfreudigen Pferde beschreiben ein gutes Spiel ungefähr so: „Ich laufe herum, präsentiere mich von allen Seiten und zeige, wie toll ich bin. Mein Mensch freut sich und begleitet mich dabei, feuert mich an und jubelt mir zu.“

Das hört sich eher chaotisch an, kann jedoch, bei richtiger Ausführung, ein sehr verbundener, magischer Moment für beide sein. Man braucht mit Pferden nicht sprechen zu können, um zu spielen. Natürlich hilft es sehr, vorher zu fragen, ob und wie es spielen möchte. Ob es dabei gern springen oder irgendwo drauf steigen möchte. Aber auch ohne so ein Pferdegespräch ist es möglich, richtig frei zu spielen.

Zu beschreiben, wie man es richtig macht, ist schwierig. Wie so viele Dinge im Leben sollte man die richtigen Körperpositionen hierbei üben. Vielen fällt es nicht leicht, richtig ausgerichtet und mit der passenden, inneren und äußeren Energie das Pferd zu begleiten, ohne es versehentlich zu drücken, zu scheuchen oder zu bremsen. Generell gibt es aber ein paar Tipps, die bei bestmöglicher Befolgung schon viel Raum für das freie Spiel öffnen:

1. Bleib‘ bei dir! Wir sind es alle gewohnt, bei der „Arbeit“ mit dem Pferd ständig unseren Fokus adleraugenmäßig auf unser Pferd zu werfen. Analytisch fixieren wir unser Pferd und schauen haargenau, was es tut und wie es das tut. Dabei wirken wir meist viel zu aufdringlich und manipulativ. Es hilft, sich immer wieder auf seinen eigenen Körper zu besinnen: Wie atme ich, wo kann ich meinen Körper noch besser entspannen, wie stehe und gehe ich mit meinen Füßen auf dem Boden, wo schaue ich hin. Ab und zu hilft es, die Augen zu schließen oder in die Weite zu schauen und sich gedanklich auf seine Mitte zu besinnen.

2. Alles kann, nichts muss. Punkt 1 zieht meistens nach sich, dass man eine gewisse Erwartungshaltung aufbaut und verlangt, dass das Pferd auf einen selbst reagiert. Ein Spiel ist jedoch keine vorgegebene Arbeit, sondern der Sinn des Spielens ist, frei entscheiden zu dürfen, was man macht. Was einem Spaß macht. Deshalb übermittle deinem Pferd immer wieder, dass es eingeladen ist, mit dir zu sein oder Vorschläge, die du ihm vormachst, anzunehmen, aber es muss nichts. Wiederhole diesen Satz immer wieder und verkörpere ihn auch nach außen, indem du entspannt bei dir bleibst: Du darfst, aber du musst nicht.

3. Wenn du etwas vormachst, tu‘ es für dich. Tu‘ so, als wärst du ein lustiges Partypony, welches gerade mit seiner Freude versucht, ein anderes Pferd anzustecken. Spring übertrieben über eine Stange, lass‘ Energie frei, indem du freudig von A nach B über den Reitplatz rennst und dann eine Vollbremsung hinlegst, mit beiden Beinen laut auf dem Boden aufkommend. Hab keine Scham, den Clown zu spielen. Renne und agiere ganz bewusst von deinem Pferd weg und beschäftige dich ganz bewusst mit dem Punkt, zu dem du rennst. Schiele dabei nicht zu deinem Pferd, sondern tu‘ es wirklich für dich. Denk dran: Es geht ums Spielen. Zeig deinem Pferd, dass du es wirklich so meinst. Das ist schwerer, als man denkt. Eventuell braucht dein inneres Spielkind ein paar Einladungen, ehe du es authentisch raus lassen kannst. Dein Pferd wird merken, wie echt du dabei bist. Wenn es sich nicht anstecken lässt und dich nur besorgt anschaut, dann probiere es an einem anderen Tag wieder. Vielleicht muss sich auch erst einmal daran gewöhnen, dass du losgelassene Freude und Energie körperlich auslebst. Vielleicht musst du dich daran gewöhnen.

4. Nimmt dein Pferd die Energie auf und fängt an, zu traben oder zu galoppieren, dann komm‘ in eine begleitende Haltung. Dies ist für viele der schwerste Part. Prinzipiell hälst du dich dabei in der Mitte eures Platzes auf und bleibst mit deiner Körperfront immer deinem Pferd zugewandt. Stell dir vor, von deinem Brustbein ginge eine Verlängerung zu deinem Pferd, die eine gerade Linie beschreibt. Diese Linie sollte mittig ca. auf das Schulterblatt deines Pferdes ausgerichtet sein. Deine Arme hängen entspannt herunter, deine Körperhaltung ist neutral und nicht aufdringlich. Du drehst dich immer mit deinem Pferd mit, welches sich nun feiert und vielleicht sogar in deiner Nähe bleibt. Am besten machst du ein Video von diesen Momenten, denn fast niemand schafft es auf Anhieb, sich wirklich gerade auszurichten und dabei mit dem laufenden Pferd mitzugehen. Die meisten zeigen mit ihrer Mitte unbewusst weit vor das Pferd, andere hängen in ihrer Ausrichtung hinterher. Das hat einen bremsenden oder treibenden Effekt, der die freie Bewegung hemmt. Schaffst du es, dich wirklich mittig auszurichten, wird dein Pferd wie von Zauberhand um dich herumlaufen, als würdest du es frei longieren. Denn dann fühlt es sich verbunden und begleitet. Dies ist ein naturlicher Effekt, kein trainierter. Je roher, untraumatisierter und mutiger dein Pferd ist, umso selbstverständlicher kann es das tun. Obacht: Pferde, die gelernt haben, möglichst gut heraus zu finden, was der Mensch will, um das dann auszuführen, können hierbei dazu neigen, abzuspulen, was du als gut empfindest. Wenn du das bemerkst, stoppe das Spiel, indem du etwas anderes tust. Lobe dein Pferd trotzdem! Es versteht, dass du es lobst, weil es toll ist.

5. Lasse dein Pferd zu dir kommen. Egal, wie oft es sich dir zuwendet oder die Bewegung beendet. Immer, wenn es signalisiert, dass es bei dir sein will, lass‘ es zu und lade es vielleicht sogar noch ein, indem du zwei-drei Schritte rückwarts gehst und wartest. Auch hierbei bist du mit deiner Körperfront immer gerade und zugewandt auf dein Pferd ausgerichtet, dennoch entspannt. Versuche nicht, es hinter dir her zu „ziehen“ oder zu locken, sondern bleibe wieder bei dir. Denk dran: Es darf, muss aber nicht. Du wartest. Gib‘ deinem Pferd immer wieder die Zeit, nachzudenken und Entscheidungen zu treffen. Wenn es kommt, freu‘ dich! Wenn nicht, fang wieder bei dir an oder sei einfach da. Hol dein Pferd ab, lob es und beende das Spiel, falls es gar nicht zu dir kommt und nur wegzurennen scheint. Wenn dein Pferd bei dir sein will, ist das immer ein Anlass zur Freude! Es geht hierbei nicht darum, dass du es schaffst, dass dein Pferd um dich herum läuft oder es sich bewegt. Es geht um den Spaß und darum, deinem Pferd zu zeigen, dass es okay ist, wenn es gerade selbst entscheidet, was es möchte.

6. Lobe dein Pferd! Ganz besonders dann, wenn es sich traut, eigene Entscheidungen zu treffen. Du machst in diesem Spiel die Angebote (wenn es sich traut, wird bald auch dein Pferd Angebote machen) und wenn es über diese Angebote nachdenken darf und dann eine Entscheidung trifft, egal welche, feiere es dafür! Auch Pferde mögen (je nach Typ) Lob in Form von anerkennenden Worten, Geräuschen und Streicheleinheiten. Lass‘ dein Pferd sich gut fühlen damit, dass es selbst schaut, was es möchte. Hiermit legst du die Basis für ein selbstbewusstes Pferd, die Lebensversicherung schlechthin für all‘ eure zukünftigen Vorhaben. Ein Pferd, welches gelernt hat, selbst nachdenken zu dürfen, vollführt deutlich seltener die gefährlichen, heftigen Ausbruchshandlungen in Menschenhand.

7. Höre auf, wenn es am schönsten ist. Beende euer Spiel, bevor du doch wieder in die Erwartungshaltung oder in den Ehrgeiz verfällst. Vermeide Schemata und Wiederholungen. Ein gutes Spiel dauert meist nicht länger als 10-15 Minuten oder sogar kürzer. Solch eine knackige Spieleinheit, in der dein Pferd einmal richtig hochfährt, stolz läuft und sich groß macht vor lauter Freude, tut gesundheitlich so viel mehr, als eine 30-minütige Longen- oder Bodenarbeit! Vergiss nicht, dass die Freude an der eigenen Bewegung sowie die Stärkung des Selbstbewusstseins die Gesundheit jeden Pferdes zu mindestens 50% ausmacht.

Zu guter Letzt noch ein paar Tipps, was du vermeiden solltest:

– Roundpens. Ein Roundpen müsste sehr riesig sein, damit es für diese Art von Spiel brauchbar wäre. Natürlich ist jedes „freie“ Spiel sowieso immer unfrei, denn wirkliche Freiheit ist in Deutschland kaum machbar. Irgendwo kommt ein Zaun. Je mehr Platz ihr habt, umso echter wird euer Spiel, denn umso mehr Raum hat dein Pferd, sich zu entscheiden, wie sehr es mitmacht. Vielleicht kannst du auch das Tor vom Reitplatz zum Paddock auflassen, damit es sich entziehen kann, wenn es keine Lust hat. In einem Roundpen ist seine Entscheidungsfreiheit aber gen Null, denn ohne die Möglichkeit, sich zwischendurch in eine Ecke zu stellen und sich abzuwenden, kommt es kaum davon ab, auf dich reagieren zu müssen. Aber so geht Spielen nicht.

– Wenn du ein Pferd hast, was zu übergriffigem Verhalten neigt, sorge dafür, dass du deinen Raum einnehmen kannst. Lass‘ es diesen Raum im Spiel nicht betreten. Nimm‘ eine Gerte mit, mit der du um dich herum am langen Arm schwingend immer sagen kannst: „Das hier ist mein Raum.“, auch wenn du dich bewegst. Bleibe dabei wieder unbedingt bei dir. Die Botschaft ist nicht: „Geh‘ da weg!“. Fixiere nicht dein Pferd, schicke es nicht in eine Richtung, sondern bleib bei dir und verschaffe dir Respekt, indem du klar machst, dass du niemanden in deinem Raum möchtest. Achte unbedingt darauf. Übe es bei einem übergriffigen, distanzlosen Pferd, wenn du Anlass zur Sorge hast, dass es im Spiel sonst gefährlich werden könnte. Wenn es das nicht respektiert und in deinen Raum kommt und sich treffen lässt, ist das seine Entscheidung. Lass‘ dich dann nicht in deinem Raum bedrängen oder von deinem Platz verdrängen. Bleib‘ standhaft und wiederhole das Gertenschwingen trotzdem. Es wird merken, dass du es ernst meinst. Bei hochstehenden Pferden wird das einen Respekt auslösen, denn es lernt, dass auch du für dich selbst entscheiden kannst. Das nimmt viel Druck aus eurer Beziehung und ist oft der Schlüssel zu einem entspannteren Pferd, wenn es vorher kontrollierend dir gegenüber war. Wenn es deinen Raum akzeptiert, dürft ihr spielen.

– Falls dein Pferd einfach nicht auf dein Spiel einsteigen möchte, auch nicht wenn du es mit einigen Tagen oder Wochen Pause immer wieder versuchst, dann akzeptiere seine Entscheidung. Entweder ist es wirklich kein verspielter Typ und legt Wert auf andere Formen des Zusammenseins oder aber irgendetwas passt nicht in eurer Kommunikation. Dann lass‘ es sich am besten in einem Pferdegespräch dazu äußern.- Mach‘ nicht zu viel. Reflektiere dich immer wieder selbst, am besten mit Videoaufnahmen, und überprüfe, ob ihr wirklich losgelassen und frei spielt und ob du dein Pferd nicht doch drückst oder bremst. Pass‘ auf, dass ihr nicht in immer gleiche, abspulende Muster verfallt. Vergiss‘ nie: Es geht nicht darum, dass du dein Pferd dazu bringst, um dich herum oder hinter dir her läuft und schon gar nicht, ohne dass du es körpersprachlich begleitest. Das hier ist ein Spiel in Verbundenheit, mit beidseitiger Entscheidungsfreiheit, ohne Zwang und in gegenseitigem Respekt. Es soll ehrlichen Spaß machen, für beide von euch. Nur so ist es ein Spiel – alles andere ist Dressur, in der auch der letzte Rest vermeintlicher Freiheit im Keim erstickt wird.

Auf den Fotos siehst du Kurspferd Magu im Spiel mit mir im Rahmen der Pferdeflüsterer Ausbildung.

Das Prinzip „Hoffnung“

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Das Symptom muss weg

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