Helfen oder dienen

Dieser Beitrag schwebt schon lange in meinen Gedanken. Neulich stolperte ich über meine eigene Formulierung, als ich beschrieb, dass ich einem Pferd wohl nicht helfen konnte. Etwas in mir erinnerte sich.

Vor vielen Jahren gab mir mein Coach, lieber Freund und Wegbegleiter Torsten (Instagram: @my_soul_loves_your_soul) einen Artikel über den Unterschied zwischen Dienen und Helfen. Den habe ich manchmal verwendet, wenn ich einen sogenannten „Goldkurs“ gab, also wenn ehemalige Absolventen von mir darauf bestanden, nach einiger Zeit noch einen Supervisionskurs bei mir zu besuchen. Ich fand immer, dass die Erkenntnis darüber, was Dienen und Helfen unterscheidet, eher etwas für Menschen ist, die ihre Erfahrungen mit beruflichen Hilfsbemühungen für andere schon gesammelt hatten. Noch immer finde ich es nicht einfach, den Unterschied zu verstehen.

Helfen bedeutet: Ich habe etwas, kann etwas oder weiß etwas, was jemand anderes braucht. Zum Helfen braucht es zwei: Einen Helfer und einen Bedürftigen. Der Helfer ist hierbei ganz klar superior eingeordnet, er gibt etwas dorthin, wo es mangelt. Er wird gebraucht. Er tritt in Aktion, um etwas besser zu machen, zu helfen. Der Bedürftige ist in der niederen Position: Schwächer, unfähiger, leerer, er braucht etwas, um seinen Zustand zu verbessern.

Das Problem bei der Idee des Helfens ist genau das, die Einordnung und Bewertung oder auch Beurteilung, die Rollenverteilung der Beteiligten. Ein Helfer kann aus dieser Rolle schnell ein überzogenes Profil basteln, in dem diese Beurteilung viel zu weit geht. Er hat dann gern Recht, ist besserwisserisch und drängt anderen seine Hilfe geradezu auf. Selbst wenn er es gut meint und aus vermeintlicher Nächstenliebe handelt, kann es passieren, dass er damit die Schwäche des Bedürftigen nurnoch verstärkt. Denn je größer und gebrauchter der Helfer sich darstellt, umso weiter wird der Abstand zum immer weiter untenstehenden Bedürftigen. Der wird in die Rolle des Hilflosen gedrängt. Jeder, der mal mit einem übergriffigen Therapeuten gearbeitet hat (im Tier- oder Menschenbereich) weiß, wie sich das anfühlt. Meistens haben solche Helfermenschen auch einen ziemlichen Tunnelblick. Nur was sie meinen ist richtig und kann helfen, alles andere ist fast schon töricht und gefährlich. Es gibt natürlich auch Bedürftige, die alle Selbstverantwortung abgeben und ihr Leben oder das ihres Pferdes dem Helfenden in die Hände legen wollen, die genau diese Rollenverteilung einfordern. Aber hilft sie wirklich? Ist der Bedürftige ohne Helfer wirklich hilflos?

Unser Bedürfnis nach Hilfe ist gesellschaftlich so geprägt, dass man uns hat glauben lassen, man wüsste und könnte selbst nicht genug und man müsse sich an Autoritäten halten, die Experten dafür seien. Gerade wir Deutschen sind gut darin, unsere Eigenverantwortung komplett abzugeben und uns an größer wirkenden „Experten“ zu orientieren und ihnen blind zu vertrauen. Unser eigenes Gefühl, unsere innere Stimme, unsere Intuition oder wie auch immer man es nennen mag, wird dabei ausgestellt. Selbst diejenigen, die treu an dieses Konzept glauben, werden früher oder später enttäuscht werden und sich beschweren, dass die Experten sie aufgeben oder fallenlassen, im schlimmsten Fall kränker machen, als je zuvor.

Wie wäre es denn, wenn wir anstatt der Idee des Helfens lieber ins Dienen kämen? Wie wäre es, wenn wir verstünden, dass jeder Ansatz zur Heilung, Besserung oder Belehrung anderer immer nur ein Anstoß oder eine Inspiration zur Selbstheilung, zur Selbsthilfe sein darf? Wie wäre es, sich selbst nicht wichtig zu nehmen, egal welche Zertifikate man an der Wand hängen hat? Wenn man verstehen lernt, dass jedes Wesen sein eigenes Universum belebt und bestimmt und es in jedem Universum eigene Gesetzte und Wahrheiten gibt? Was, wenn meine Wahrheit nicht diejenige ist, die für andere stimmig ist? Was wären dann meine rechthaberischen Überzeugungen, wie man helfen muss und was richtig ist für den Bedürftigen?

Sie wären überflüssig. An erster Stelle stünde, den Bedürftigen zu fragen, was er braucht und zu schauen, ob ich ihm das geben kann oder wie ich ihm dienen kann.

Dienen bedeutet, da zu sein. In Verbindung zu gehen, zu kommunizieren. Anzubieten, was man hat, es zu tauschen, um ein Gleichgewicht herzustellen. Auf Augenhöhe zu agieren und zu wissen, dass jeder Kontakt zu demjenigen, der ins eigene Universum tritt, eine Erweiterung des eigenen Erfahrungsschatzes sein soll. Zu wissen, dass man nichts weiß und dass es wie eine Art Spiel ist, sich gegenseitig mit Energien zu befruchten, um das eigene Leben zu entwickeln. Bei sich zu bleiben, einfach der Sache zu dienen, der man sich versprochen hat und dabei nie zu vergessen, dass es keinen Obenstehenden und keinen Niederen gibt.

Wenn ich mich als Dienende sehe, wird alles leichter. Ich muss kein Bild davon hochhalten, wer ich bin und was ich kann. Ich muss mich nicht anstrengen, superior zu wirken. Ich gebe auch keine Versprechen ab, dass ich helfen könne. Gleichzeitig bleibe ich offen und behalte meine Wertschätzung, sehe die auf mich zukommenden Wesen nicht als Opfer oder Beschädigte oder Mangelbehaftete. Ich sehe sie als Spielpartner auf Augenhöhe, um mein Leben mit Sinn zu befüllen. Wenn mein Ego dabei dann meint, ich hätte helfen können, schön. Ich bin ein Mensch, es ist menschlich, sich darüber zu freuen. Darunterliegend spüre ich aber: Es geht nicht ums Helfen, es geht ums Dienen. Ich weiß, dass ich nichts weiß. Das Leben hat immer Recht.

(Buchveröffentlichung „Wahre Freundschaft mit Pferden“ Juni 2022 im Kosmos Verlag. Hier geht es zur Pferdeflüsterer Ausbildung.)

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