Interview

Ich durfte dise Woche an einem Projekt teilnehmen, welches das öffentliche Bild des Pferdes behandelt. Das dazugehörige Interview darf ich nach Absprache mit den Fragestellerinnen anonym veröffentlichen:

1. Bitte erklären Sie kurz, wer Sie sind und was Sie beruflich machen.

Ich bin Catherin Seib, 41 Jahre alt, seit 2009 hauptberuflich selbstständige Tierkommunikatorin, seit 2017 auf Pferde spezialisiert. Als Tierkommunikatorin spricht man tatsächlich mit den Tieren und bekommt Antworten. Das, was ich mache, ist vermutlich den meisten als „Pferdeflüsterin“ bekannt. Ich helfe Menschen, die Probleme mit ihren Pferden haben und Pferden, die Probeme mit ihren Menschen haben. Außerdem bilde ich Menschen in meiner „Pferdeflüsterer Ausbildung“ dazu aus, meinen Beruf auszuführen.

2. Schauen Sie regelmäßig Pferdefilme?

Nein, eher selten. In Pferdefilmen sind die mitspielenden Pferde meist nicht sehr glücklich damit.

3. Wenn ja, welche Filme schauen Sie? (Beziehungsweise haben Sie geschaut?)

Am liebsten mag ich animierte Pferdefilme, weil da keine gefügig gemachten, auf den Punkt dressierten, traurigen Pferde einen Pferdecharakter spielen müssen, der im Film wild und stark, schön und selbstbestimmt sein soll. Den Kontrast empfinde ich als absurd. Mir gefällt der Film „Spirit“ und als Kind fand ich die US-Serie „Fury“ unfassbar toll, in der ein kleiner Junge einen schwarzen Mustang zum Freund hat, der auf Zuruf zu ihm galoppiert kommt und sich vorn herunterbeugt, damit der Junge aufsteigen kann. Wenn ich ein kleines Mädchen gewesen wäre, als die „Ostwind“ Filme herauskamen, hätten die mich vermutlich total gefesselt.

4. Empfinden Sie diese Pferdefilme als realitätsnah oder als realitätsfern? Warum?

Was Menschen an Pferden so fasziniert, ist ihre Schönheit, ihre Kraft, ihre Freiheitsliebe, ihre Sanftheit. Menschen, die gern Pferdefilme schauen, haben meist eine große Sehnsucht danach, frei, wild und verbunden mit Pferden sein zu können. Tatsächlich ist das nicht realitätsfern, denn auch Pferde haben diese Hoffnung, wenn sie eine Beziehung zum Menschen aufbauen. Wenn ich ein Pferd frage, wie es mit seinem Menschen gern wäre, sagen die meisten: „Wir galoppieren frei und glücklich durch die Landschaft, ohne Sattel. Wir sitzen zusammen auf der Wiese und genießen den Tag“ und solche Dinge. Das ist eine romantische Vorstellung, die uns mit den Pferden vereint: Gemeinsam Verbundenheit in Freiheit zu erleben. So kitschig das klingt, beide Seiten, beide Spezies haben diesen Wunsch. Deshalb ist dieser Wunsch, der in den Filmen erfüllt wird, realitätsnah. Denn es ist möglich, so mit seinem Pferd zu leben.

Realitätsfern ist aber die Durchführung dieser Filme. Um diese traumhafte Verbindung in einem Film abzubilden, braucht es eben Schauspieler. Menschen können schauspielern, Pferde kann man nur dressieren. Ein Pferd so zu dressieren, dass es die Leistung abliefern kann, die für einen Filmdreh nötig ist, ist selten wirklich im Sinne des Pferdes.

4.1 Denken Sie, dass Kinder durch Pferdefilme ein verzerrtes Bild von Pferden bekommen?

Nein, ich denke eher, dass Kindern in Reitschulen und klassischen Reitweisen oder auch im Reitsport ein verzerrtes Bild von Pferden eingetrichtert wird: „Der will dich verarschen!“, „Du musst dich durchsetzen!“, „Pferde spüren keine Schmerzen bei Sporeneinsatz!“, „Der guckt nur konzentriert, dem geht es gut.“ und so weiter. Der in unserer Gesellschaft als normal geltende Umgang mit Pferden ist viel zu brutal, viel zu invasiv, viel zu dominant. Pferde leiden sehr darunter, körperlich und seelisch. Sie fühlen sich oft wie Sklaven. Man sieht es ihnen im Gesicht sogar an, aber auch das wird gern abgestritten.

Filme sind nicht dazu da, um ein realistisches Bild abzugeben, sie sollen unsere Fantasie füttern und Emotionen auslösen. Trotzdem ist die Sehnsucht, die Menschen Pferdefilme schauen lässt, der richtige Ansatz.

5. Denken Sie, die Methoden aus den Ostwind – Filmen könnten auch in der Realität umsetzbar sein?

Ich habe nur Teile eines Ostwind-Filmes gesehen, weil ich es nicht so gut ertrage, mir dressierte Pferde anzusehen, die keinen großen Spaß bei ihrer Arbeit haben. Die Idee, sich mit einem Pferd zu befreunden, was dann alles mit einem macht, ist allerdings Realität. Ich habe das schon selbst erlebt und auch bei anderen Pferd-Mensch Freundschaften gesehen. Viele waren meine Kunden, die ich durch meine Arbeit mit ihren Pferden so verbinden konnte, dass sie, ähnlich wie bei Ostwind, eine so vertrauensvolle Freundschaft zu ihren Pferden hatten, dass sie mit ihnen frei spazieren gehen und reiten können, dass ihre Pferde wiehernd zu ihnen galoppiert kommen und zusammen wirklich schöne Dinge erleben. Hierbei ist es aber enorm wichtig, dass man eine Freundschaft auf Augenhöhe, also im Einverstädnis beider Seiten führt. Nicht jedes Pferd möchte seinen Menschen tragen. Für so eine Verbindung gibt es aber keine „Methode“, denn Methoden sind immer Dressur. Einen Freund dressiert man nicht, nur damit er alles für einen macht.

7. Haben Sie Methoden aus Pferdefilmen schon einmal selbst verwendet?

Ich glaube, dass bei den meisten, modernen Filmen Horsemanship-Training angewendet wird. Diese Trainingsmethoden, die man heutzutage in Deutschland darunter versteht, habe ich nie gelernt. Ich bin keine Freundin von Horsemanship, da die meisten damit trainierten Pferde sich dazu negativ bei mir äußern. Sie fühlen sich davon drangsaliert, unterdrückt, unter Druck gesetzt und gelangweilt. Sie werden damit systematisch gefügig gemacht und schalten dabei innerlich ab. Ein „verhorsemanshipptes“ Pferd ist meist depressiv verstimmt, weil es gelernt hat, dass es niemanden interessiert, wie es etwas findet oder ob es etwas möchte oder nicht. Es wird einfach so lange weitergemacht, bis es sich fügt und das ausführt, was erwartet wird. Aus Sicht des Menschen sieht es dann aus, als würde das Pferd seinem Menschen vertrauen, weil es alles macht, was man will. Das Pferd jedoch fühlt sich wie eine Puppe, die keinen eigenen Willen hat. Es hatte keine Wahl. Nur deshalb macht es mit.

8. Kennen Sie die Join – up Methode von Monty Roberts?

Ja, die kenne ich gut.

8.1 Wenn ja, haben Sie diese schon einmal ausprobiert? Was sind ihre Erfahrungen mit dieser Methode?

Beim Join-Up wird das Pferd so lange im Kreis getrieben, bis es einsieht, dass es nicht entkommen kann, nie weiter weg von der Bedrohung (dem Menschen) kommt, sondern immer nur weiter getrieben wird. Es ist ein natürlicher Effekt eines Fluchttieres, dann einzusehen, dass es keine Wahl hat, als sich zu ergeben oder anzuschließen. Das ist keine schöne Methode, sondern eine, die psychischen Druck erzeugt und die das Pferd sich hilflos fühlen lässt. Ich habe diese Methode in meinen Zeiten als Tierpflegerin an drei „rohen“ Konikpferden ausprobiert. Alle drei fanden das überhaupt nicht gut. Der erhoffte Effekt, dass sie mit damit vertrauen und für immer anschließen würden, trat nicht ein. Ich sank ihn ihrem Ansehen, sie hatten weniger Vertrauen zu mir, als vorher. Ich verstand, dass dies nicht der Weg zum Vertrauen ist, sondern nur zum Gefügigmachen.

Wenn ein Mensch richtig gut ist in dieser Technik, sieht es nach außen hin toll aus. Als würde das Pferd dem Menschen gern folgen. Ich habe Monty Roberts selbst live gesehen und die Pferde genau beobachtet. Es gibt, neben den psychischen Konsequenzen für die Pferde, dabei ein großes Problem: So wie der „Meister“ nicht mehr da ist, benimmt sich das Pferd wieder wie vorher. Es lässt sich dann schnell nicht mehr verladen oder folgt nicht mehr seinem Menschen, der die Methode nicht auf den Punkt beherrscht. Weil es seinem Menschen eben nicht wirklich vertraut. Es gibt keine „Tricks“, um Pferde auf seine Seite zu kriegen. Sie sind nicht dumm, sondern denken, fühlen und kommunizieren so wie wir. Sie haben das Bedürfnis nach einer echten Freundschaft auf Augenhöhe mit uns, in der man füreinander da ist und schöne Dinge gemeinsam erlebt.

9. Gibt es wirksame Kommunikationstechniken, die Sie unerfahrenen Reitern empfehlen würden?

Ich würde Menschen nie empfehlen, Pferde einfach zu reiten. Pferde, die fremde oder viele unterschiedliche Menschen tragen müssen, fühlen sich oft sehr benutzt und belastet. Es gibt Pferde, die gern reiten und ihre Menschen gern tragen, aber dafür brauchen sie eine freundschaftliche Bindung zu ihrem Menschen. Damit man diese aufbauen kann, sollte man die Veranwortung für das Pferd übernehmen, es also kaufen. In meinen Augen ist die Reihenfolge „Reiten lernen, dann ein Pferd kaufen“ falsch herum. Ein Pferd zu haben, mit dem man zusammen schauen kann, wie und ob man reiten möchte, ist der einzig faire Weg. Pferde sind nicht hier, um geritten zu werden. Wer echte Sehnsucht nach Nähe zu Pferden hat, sollte verstehen, dass es immer ein Bonus der Freundschaft ist, wenn das Pferd gern mit einem reitet. Wer nicht bereit ist, für ein Pferd bis ans Ende seines Lebens da zu sein, auch wenn es einen nicht tragen will oder kann, der sollte sich lieber ein Motorrad oder ein Fahrrad kaufen.

Wenn man seinen Pferdefreund an seiner Seite hat und beide gern reiten möchten, ist die wirksamste Kommunikationstechnik die Telepathie, also die Tierkommunikation, so wie ich sie anwende. Man kann sich dann absprechen, was das Pferd wie braucht und was der Mensch kann und möchte, um beide reitend zusammenzubringen.

10. Welche Methoden nutzen Sie um das Vertrauen der Pferde zu gewinnen?

Gar keine. Ich habe nicht den Anspruch, dass Pferde mir vertrauen müssen. Meine drei Pferde sind meine besten Freunde. Ich liebe sie, sie sind meine Familie. Ich spreche mit ihnen. Wir können uns aufeinander verlassen, wir kennen uns gut und achten aufeinander. Mein großer Wallach passt immer genau auf, dass er mich beim reiten nicht verliert, auch wenn er wilde Manöver macht, da kann ich ihm vertrauen. Meine Stute möchte nicht reiten und kann die Verantwortung über einen Menschen auf ihrem Rücken einfach nicht tragen, das weiß ich und respektiere das. Wir sind deshalb sehr eng verbunden und sie folgt mir gern, auch frei. Aber nicht immer, manchmal läuft sie lieber in einen Vorgarten. Vertrauen ist nicht gleich Gehorsam! Vertrauen ist, sich wirklich gut zu kennen und zu wissen, dass man wirklich füreinander da ist, in Liebe verbunden. Jeder auf seine Weise, jeder in seinem Rahmen. Vertrauen gehört zum Respekt. Jemanden alles machen zu lassen, was man will, das ist kein Respekt. Das ist Ausnutzung.

Wer mehr dazu lesen möchte, der kann ab 20. Juni diesen Jahres mein Buch kaufen, welches im Kosmos Verlag erscheint: „Wahre Freundschaft mit Pferden“. Es wird im Buchhandel, bei Amazon und auch in einigen, großen Reiterläden erhältlich sein.

(Hier geht es zur Pferdeflüsterer Ausbildung.)

Das Prinzip „Hoffnung“

Das Prinzip „Hoffnung“

Das Symptom muss weg

Das Symptom muss weg