Das Symptom muss weg

In unserer Gesellschaft ist es normal, alles in Schubladen zu packen und zu bewerten, was einem begegnet: Gut, schlecht. Auch in Bezug auf unsere Körper sind wir sehr klar, was geht und was gar nicht geht. Es gibt genaue Vorstellungen davon, wie ein Körper aussehen darf und wie er sich verhalten soll. Im Bereich der körperlichen Gesundheit sind wir streng mit uns und lernen, was man haben darf und was auf keinen Fall. Und natürlich sind wir uns alle einig, dass Schmerzen nicht glücklich machen.

Dabei vergessen wir gern, dass unangenehme Symptome zu einem wichtigen Prozess dazugehören. Die Idee, jeden von Leid zu befreien, bloß kein Leid erleben zu müssen, ist auch irgendwie nobel. Jedoch vergisst man über diese Einstellung schnell, dass Symptome da sind, um uns etwas zu zeigen, sie sind Zeichen. Wer diese Zeichen nur weghaben will, der streicht den Schimmel an der Hauswand bloß über. So lange man dabei nur die eigene Wand überstreicht, ist das völlig in Ordnung. Schwierig wird es, wenn man das Symptom anderer weghaben will.

Es spricht absolut nichts gegen eine möglichst individuell abgestimmte, ganzheitliche Behandlung eines Pferdes, wenn es Symptome zeigt. Damit verbunden ist aber unbedingt die Zustimmung des Pferdes. Außerdem braucht der Mensch den Willen, die Symptome als Zeichen zu verstehen und sich dazu imstande zu fühlen, sein Pferd durch diese Phase des körperlichen Zustands zu begleiten. Damit ist nicht gemeint, plötzlich Fachwissen über den gesamten, medizinischen Bereich dieser Symptome zu häufen und alles richtig zu machen. Gemeint ist tatsächliche Begleitung, in der man seinem Pferd den Raum gibt, sein zu dürfen. Ganz egal, wie das von außen aussieht. Egal, ob man den Zustand selbst versteht. In diesem Raum fragt man nach, bietet vielleicht Hilfe an, hält es aber aus, wenn diese nicht, teilweise oder anders angenommen wird. Das Pferd kann selbst entscheiden, wie es mit seinen Symptomen umgeht.

Ich kenne Pferde, die seit Jahren lahmen oder merkwürdige Einschränkungen haben. Pferde, die sich nicht hinlegen können oder welche, die an guten Tagen fröhlich und an schlechten durcheinander sind. Trotzdem dürfen sie sein und sogar machen oder unterlassen, was sie selbst möchten. Sie dürfen einfach sagen, was sie brauchen und was nicht. Es muss ihnen nichts weggespritzt werden, wenn sie es nicht möchten, schon gar nicht ihr Leben.

Jedes Wesen geht seinen eigenen Weg und hat seinen eigenen Prozess. Es ist so drastisch individuell und unbewertbar, wie ein Pferd ein Symptom auslebt und wie es ein anderes tut. Wie es damit umgeht, was das mit ihm macht und wohin es damit gehen wird. Das Symptom, welches wir so gern weghaben würden, gehört ihm. Sein Körper gehört ihm, sein Lebensweg ist sein eigener und der Sinn hinter allem, was ihm widerfährt, formt sein eigenes, unantastbares Leben. Dieses Pferdeleben und seinen Weg zu manipulieren, um es sich selbst bequemer zu machen (und sei es nur aus eindimensionalem „Mitleid“), ist ein fragwürdiger und doch ständig vorkommender Akt in der Pferdewelt. Wie viele Pferde werden eingeschläfert, weil niemand bereit ist, sie auf diesem Weg zu begleiten? Wie viele Pferde werden immer wieder „fit gemacht“, bis sie irgendwann endgültig kollabieren? Wie viele Menschen wollen glauben, dass Leid vermieden werden muss, wie oft wird der Stempel „Nicht mehr lebenswert“ vergeben, um es den Menschen leicht zu machen? Und wie viele Menschen wollen nicht hören, dass das Symptom vom Pferd ein Zeichen dafür ist, dass sie ihr eigenes Leben ändern sollten?

Symptome haben einen Sinn. Jeder hat sie. Sie dürfen sein. Krankheit als wichtigen Teil des Lebens zu akzeptieren, gemeinsam zu versuchen sie zu verstehen und die Bewertung dessen herauszunehmen, das wäre ein großer Schritt in die richtige Richtung. Für sich selbst und dann für die Beziehung zum Pferd und allen anderen Wesen. Wir sind nicht hier, um uns über andere zu erheben und zu urteilen. Wir sind hier, um in Verbindung zu gehen und uns zu begleiten auf dem gemeinsamen Weg über Berge und durch Täler. Wir dürfen auf diesem gemeinsamen Weg verstehen, dass wir nichts kontrollieren. Sondern alles bloß erleben. Je verbundener wir dabei sind, umso sinnvoller und schöner wird es.

Wer mehr dazu lesen möchte, der kann ab 20. Juni diesen Jahres mein Buch kaufen, welches im Kosmos Verlag erscheint: „Wahre Freundschaft mit Pferden“. Es wird im Buchhandel, bei Amazon und auch in einigen, großen Reiterläden erhältlich sein. Hier ist es vorbestellbar.

Hier geht es zur Pferdeflüsterer Ausbildung, um selbst zu lernen, mit Pferden zu sprechen.

Das Prinzip „Hoffnung“

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Interview

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